Von Marc Timmerherm · Lesezeit ca. 8 Minuten
Du stehst neben Deinem Pferd, streichst über den Rücken und denkst: War das vor ein paar Wochen auch schon so kantig? Dabei frisst es doch. Heu ist da, im Trog landet längst etwas extra – und trotzdem wird es weniger. „Der wird eben alt“, hört man dann schnell. Mir wäre diese Erklärung zu wenig.
Natürlich verändert sich ein Pferd mit den Jahren. Aber wenn Gewicht verloren geht, möchte ich verstehen, was dahintersteckt. Was frisst es tatsächlich? Was kann es noch gut kauen? Kommt es in der Herde in Ruhe ans Futter? Und passt das, was wir jeden Tag bereitstellen, noch zu diesem Pferd?
Über Fellwechsel und über zu viel Gewicht haben wir hier schon gesprochen. Heute schauen wir auf die andere Seite: auf Pferde, bei denen wir uns über jedes bisschen mehr auf den Rippen freuen würden. Gerade vor dem Winter lohnt sich dieser Blick, bevor unter dem dichten Fell Veränderungen unbemerkt bleiben.
„Es frisst doch“ ist erst der Anfang
Ein Pferd am Heu stehen zu sehen, beruhigt. Verständlicherweise. Es sagt uns aber noch nicht, wie viel es wirklich aufnimmt. Stell Dir einen älteren Wallach vor, der lange an der Raufe steht, zwischendurch Platz machen muss und immer wieder Futter fallen lässt. Von Weitem sieht das nach einem ganz normalen Futtertag aus. Erst beim genaueren Hinsehen entstehen Fragen.
Deshalb würde ich einmal bewusst eine Mahlzeit beobachten. Kaut Dein Pferd auffällig lange? Fallen kleine Heuwickel aus dem Maul? Bleibt etwas liegen, das früher gefressen wurde? Gerade bei eingeschränkter Zahnfunktion kann der Wechsel von weichem Weidegras auf Heu Schwierigkeiten sichtbar machen. Das beschreibt auch die Interessengemeinschaft für funktionelle Pferdezahnheilkunde. 1
Dann gehört die Zahnkontrolle dazu. Je nach Befund kann aufbereitetes Raufutter helfen, die Versorgung zu sichern. Eingeweichte Heucobs sind beispielsweise eine Möglichkeit; Zubereitung und Menge müssen zum Produkt und zum Pferd passen. Sie ersetzen gegebenenfalls einen Teil des Heus und sind nicht bloß ein kleines Extra für zwischendurch. 1

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Entscheidend ist nicht nur, was wir hinstellen. Entscheidend ist, was dieses Pferd tatsächlich fressen und nutzen kann.
Was wir bei Spirit und Valea selbst kennen
Die Frage nach unterschiedlichen Bedürfnissen kennen Sandra und ich aus unserem Alltag. Spirit nimmt sehr schnell zu. Valea steht mit ihm zusammen in einer Paddock-Box und ist tendenziell eher zu dünn. Der eine braucht also weniger, die andere mehr. Derselbe Platz bedeutet noch lange nicht denselben Bedarf.
Das ist keine Geschichte über ein altersbedingt abnehmendes Pferd. Es ist der Grund, weshalb ich bei „Die bekommen doch alle genug“ genauer nachfragen würde. Wie viel kommt bei jedem Einzelnen an? Welche Absprachen funktionieren im Stall? Und wie lässt sich eine individuelle Versorgung organisieren, wenn die Pferde zusammenstehen sollen?
Ich weiß, dass solche Fragen im Alltag manchmal mühsamer sind als der Kauf eines neuen Futtersacks. Trotzdem gehören sie für mich in jedes gute Gespräch über Fütterung. Ein Vorschlag muss schließlich auch dann umsetzbar sein, wenn Du morgens zur Arbeit musst und nicht neben jeder Mahlzeit stehen kannst.
Gewicht verlieren und Muskeln verlieren sind nicht dasselbe
Ein runder Bauch kann darüber hinwegtäuschen, dass ein Pferd an anderen Stellen schmaler wird. Bei der Beurteilung des Körperzustands schauen wir deshalb nicht nur von der Seite, sondern betrachten und ertasten unter anderem Rippen, Hals und Schweifansatz. Eine Waage hilft bei der Gewichtskontrolle; ein Gewichtsmaßband liefert eher eine Schätzung. Wiederholte Messungen unter vergleichbaren Bedingungen können Veränderungen sichtbar machen. 2
Zusätzlich lohnt sich der Blick auf die Oberlinie und die Muskulatur. Mehr Gewicht ist nicht automatisch mehr Muskel. Für den Erhalt von Muskulatur zählen neben der Versorgung auch Gesundheitszustand und passende Bewegung. Ein älteres Pferd braucht dabei einen Alltag, der zu seinen Möglichkeiten passt. 3, 4
Mach Dir am besten vergleichbare Fotos und kurze Notizen. Wann hast Du die Veränderung bemerkt? Hat sich die Bewegung verändert? Gab es einen Stallwechsel, anderes Heu oder eine Erkrankung? Solche Informationen machen aus dem diffusen Gefühl „irgendetwas stimmt nicht“ einen Verlauf, über den wir vernünftig sprechen können.

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Wann mehr Futter allein nicht weiterhilft
Wenn Dein Pferd ungeklärt abnimmt, gehört die tierärztliche Abklärung dazu. Zahnprobleme, Schmerzen, hormonelle Erkrankungen wie PPID und andere gesundheitliche Ursachen können die Versorgung beeinflussen. Eine Übersicht zur Ernährung älterer Pferde nennt auch eingeschränkte Futteraufnahme durch Konkurrenz in der Herde oder Arthroseschmerzen. „Alt“ ist deshalb keine ausreichende Erklärung für Gewichtsverlust. 4
Nimmt ein Pferd rasch ab, frisst deutlich schlechter oder wirkt krank, sollte die Untersuchung nicht auf einen späteren Beratungstermin warten. Bei Kolikzeichen ist unmittelbar tierärztliche Hilfe gefragt. Ein stark abgemagertes Pferd braucht außerdem einen fachlich überwachten Fütterungsaufbau; eine plötzliche große Futtersteigerung kann gefährlich sein. 2
Das heißt für unser Gespräch ganz praktisch: Was wurde bereits untersucht? Was wurde festgestellt? Welche Empfehlungen gibt es? Ich möchte diese Informationen einbeziehen. Dann können wir dort ansetzen, wo Begleitung bei Fütterung und Alltag sinnvoll ergänzt.
Erst die Grundlage, dann die Ergänzung
Zum Auffüttern müssen ausreichend nutzbare Energie und passende Nährstoffe ankommen. Dabei gehören Raufutter, Eiweißversorgung, Mineralstoffe und die übrige Ration zusammen. Öl liefert beispielsweise Energie, ersetzt aber weder Eiweiß noch Raufutter. Auch ein besonders liebevoll zusammengestellter Trog ist noch keine ausgewogene Tagesration. 5
Ich würde deshalb zunächst alles aufschreiben: Heu, Weidezeit, eingeweichtes Futter, Kraftfutter und sämtliche Ergänzungen. Möglichst mit gewogenen Mengen statt „eine Schaufel“. Bei gemeinsam gefüttertem Heu bleibt die individuelle Aufnahme schwerer einzuschätzen – genau das darf auf dem Zettel stehen. Wir müssen nicht so tun, als hätten wir schon jede Antwort.
Dann lässt sich unterscheiden: Fehlt tatsächlich Energie? Ist das Futter gut zu kauen? Muss die Eiweißversorgung genauer betrachtet werden? Oder passt die Zusammenstellung insgesamt nicht? Veränderungen sollten schrittweise erfolgen und beobachtet werden. Ein älteres Pferd, das mit seiner bisherigen Ration gut zurechtkommt, braucht allein wegen seines Geburtstags nicht automatisch ein anderes Futter. 4, 5
Der Darm altert mit – aber nicht nach einem festen Kalender
Bei der Faserverdauung arbeiten Mikroorganismen mit. Deshalb interessiert mich auch, was sich dort im Lauf des Lebens verändert. Eine Studie von 2024 verglich 50 Pferde zwischen sechs und 30 Jahren unter vergleichbaren Haltungs- und Fütterungsbedingungen. Die untersuchten Pferde hatten keine Verdauungsprobleme und konnten ihr Futter ausreichend kauen. Trotzdem zeigten sich altersbezogene Unterschiede in den Bakteriengemeinschaften des Kots. 6
Das ist ein interessanter Hinweis, kein Beweis für einen „kaputten Darm“ beim Senior. Die Untersuchung testete auch keine Behandlung gegen Gewichtsverlust. Wir können daraus also nicht ableiten, dass jedes ältere Pferd dieselbe Ballaststoffmischung braucht oder dadurch wieder zunimmt.
Für die Beratung bleibt die konkrete Frage: Wie sieht die Fütterung dieses Pferdes aus, wie verträgt es sie und gibt es einen sinnvollen Platz für ergänzende Fasern? Eine kleine Portion Ballaststoffpulver kann fehlende Kilogramm Grundfutter nicht ersetzen. Die gesamte Versorgung bleibt die Grundlage. 5
Wo Omega-3 und ein Fettsäureprofil hineinpassen
Beim Öl würde ich zwei Fragen auseinanderhalten: Wollen wir die Energiezufuhr verändern oder die Zusammensetzung der Fettsäureversorgung genauer betrachten? Beides kann miteinander zusammenhängen, ist aber nicht dasselbe. Einfach mehr Öl zu geben beantwortet nicht automatisch die Frage, welche Fettsäuren das Pferd aufnimmt. 5
Dass sich die Versorgung in Blutwerten widerspiegeln kann, zeigt eine Untersuchung an 50 gesunden erwachsenen Pferden: Unter einer EPA- und DHA-haltigen Ergänzung stiegen die entsprechenden Fettsäurewerte im Vollblut. Untersucht wurden verschiedene Mengen und die Veränderung der Blutwerte – nicht das Auffüttern abnehmender Senioren. 7
Ein passend ausgewähltes und für Pferde fachlich eingeordnetes Fettsäureprofil kann deshalb bei einer konkreten Frage zur Versorgung helfen. Es ist kein allgemeiner Mangeltest und erklärt nicht automatisch, warum Dein Pferd abnimmt. Für mich wird es dann interessant, wenn das Ergebnis eine Entscheidung unterstützt: Was bekommt das Pferd schon, was möchten wir verändern und wie überprüfen wir diese Veränderung?
Eine passende Ergänzung hat eine klare Aufgabe. Diese Aufgabe sollten wir benennen können, bevor sie im Futtertrog landet.
Mit einem klaren Überblick in den Winter

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Du musst nicht erst sämtliche Futterfragen gelöst haben, bevor Du Dich meldest. Gerade wenn schon mehrere Ergänzungen im Regal stehen und trotzdem Unsicherheit bleibt, kann ein gemeinsamer Blick entlasten. Bring Deine Beobachtungen, die aktuelle Fütterung und die Ergebnisse bereits erfolgter Untersuchungen mit.
Sandra und ich schauen mit Dir, welche Informationen zusammenpassen und wo noch etwas fehlt. Vielleicht braucht es vor allem eine bessere Organisation der Mahlzeiten. Vielleicht lohnt sich eine genauere Prüfung der Ration oder der Fettsäureversorgung. Und vielleicht ergibt sich daraus eine gezielte Ergänzung, deren Zusammensetzung und Menge zum Pferd passen müssen.
Mein Wunsch ist, dass aus dem sorgenvollen Blick auf die Rippen wieder ein verständlicher nächster Schritt wird. Schreib uns über das Kontaktformular, was Dir bei Deinem älteren Pferd aufgefallen ist. Dann klären wir gemeinsam, ob und wie wir Euch sinnvoll begleiten können.

